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1.Platz
In meiner langjährigen Tätigkeit als Diplomkrankenpfleger erlebte ich durchaus viele turbulente Geschichten, an eine kuriose erinnere ich mich aber noch immer gerne, obwohl sie schon einige Jahre zurückliegt.
Der
Pferdeflüsterer
Es geschah in einer schwülen, gewittrigen Julinacht, als ich kurz vor zwölf von einer Nachtschwester der Chirurgie einen Anruf erhielt, dass ein Patient im Krankenhausgarten herumirre. Ich eilte hinaus und erkannte ihn gleich als unserem 80jährigen Landwirt aus Zimmer 48 der offensichtlich desorientiert war. Ich traute meinen Augen nicht, er stand knöcheltief im Wasser des Springbrunnens und war triefnass. So packte ich ihn unterm Arm und wollte mit ihm ins Krankenhaus zurückgehen. Doch das löste unerwartet eine heftige Aggression aus, er schlug auf mich ein, sagte, dass er nie von seinem Pferd weg gehen würde und ich solle mich zum Teufel scheren. Weder weiteres gut gemeintes Zureden noch sonstige Überredungskünste konnten ihn dazu bewegen, ins Zimmer zurückzugehen. Da machte es bei mir „klick“ und dachte an meine Schulzeit zurück in der man uns u. a. lehrte: „ den verwirrten Patienten dort abholen, wo er gerade ist!“ So sprang ich kurzerhand auch in den Brunnen und redete mit ihm über das Wetter, den Zweiten Weltkrieg, die beschwerliche Landarbeit und über Pferde in möglichst perfektem Innergebirgs-Dialekt. In diesem Gespräch erkannte er in mir den „Schurl“, wurde auch sanftmütig und deutete mit dem Finger auf sein visionelles Lieblingspferd, das er gerade tränke, denn es hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. So führte er das Pferd im Becken spazieren, als Leine diente dabei der Harnkatheter, den er sich vorher demontiert hatte. Er blieb auch zwischendurch stehen und flüsterte ihm dabei liebevoll ins Ohr. Nach einer Weile schon entmutigt am Beckenrand sitzend, fragte ich ihn ob wir nicht das Pferd wieder in den Stall bringen sollten, worauf er mir herrisch befahl, das Zaumzeug zu holen. So rasch ich nur konnte lief ich zurück auf die Station und suchte im Depot nach Gegenständen, die ein Zaumzeug simulieren könnten. Doch ich fand vorerst nur Verbandsmaterial, Infusionen und Lagerungshilfsmittel. Schließlich behalf ich mir einer Strickleiter der Abteilung Physiotherapie, die ich rasch mit nach draußen nahm. Dann ging alles ganz schnell: Ich drückte ihm ein Ende der Strickleiter in die Hand, das andere nahm ich und verkörperte damit die 1 PS seines Gauls und schrie: „Zieh los, da rauf in den Stall“ und tatsächlich zog er an, und ich dagegen, aber nur so viel um die Strickleiter auf Zug zu halten. So marschierten wir beide unter meiner Anweisung bis auf die Station, „zäumten das Pferd“ ab und er legte sich wieder ins Bett, nachdem er ein frisches Hemd angezogen hatte. Natürlich wusste er am nächsten Tag nichts mehr von seinem nächtlichen Ausreißer und gab bei der Visite sogar an, besonders gut geschlafen zu haben. Wie recht er nur hatte – aber erst ab 2 Uhr!
Einsender:
Richard Karl |



